JECHU CORVALÁN

2026-10-23

Es gibt ein ganz besonderes Selbstvertrauen, das daraus entsteht, Dinge selbst herauszufinden.


Jechu Corvalán stand mit 11 Jahren zum ersten Mal auf dem Skateboard – nachdem ihr Vater ein altes Board auf der Straße gefunden und mit nach Hause gebracht hatte. Keine Tutorials, kein fester Plan, kein Algorithmus, der ihr den nächsten Schritt vorgab. Nur ein Mädchen, das mit ein paar Freunden vor dem eigenen Haus in Santiago skatet, gemeinsam dazulernt und sich immer wieder gegenseitig pusht.


Mit 23 wurde aus einem Urlaub in Barcelona ein Umzug. Plötzlich eröffnete sich ihr eine ganz neue Welt: voller Spots, Crews, Filmer, Magazine, Brands und vor allem einer riesigen Community von Frauen, die skaten. In Chile hatte Jechu selbst schon angefangen, eine solche Community aufzubauen. Zusammen mit einer Freundin gründete sie Juntas Mejor SB – einen Instagram-Account, aus dem Events, Workshops, Freundschaften und eine viel größere Sichtbarkeit für Frauen im chilenischen Skateboarding entstanden. Heute lebt sie in Barcelona, gibt Skate-Unterricht, reist, filmt und kümmert sich um Spots. Was sie antreibt? Eine beeindruckende Arbeitsmoral und ihre tiefe Liebe zum Skaten.


Wir haben mit Jechu über ihre Anfänge in Santiago, das Leben in Barcelona, Juntas Mejor, Frauen im Skateboarding, die Vans-Crew, Verletzungen und darüber gesprochen, warum auch ein nicht gelandeter Trick ein Fortschritt ist …
 

 

Jechu, stell dich doch erst mal vor. Wo bist du gerade?

Ich heiße Jechu Corvalán, bin 28 Jahre alt, lebe in Barcelona und komme ursprünglich aus Santiago de Chile. Mit 11 habe ich angefangen zu skaten – mein Vater hatte ein altes Skateboard auf der Straße gefunden und mit nach Hause gebracht. Ich habe mir das Skaten selbst beigebracht. Das war der Anfang. Seitdem habe ich nie wieder aufgehört!

 

Erzähl uns von deinen Anfängen in Chile.

Als ich in Santiago aufgewachsen bin, habe ich als Kind viele verschiedene Sportarten ausprobiert und sie alle geliebt. Aber als ich mit dem Skaten angefangen habe, wusste ich sofort: Das ist mein Ding.


Am Anfang bin ich mit ein oder zwei Freunden direkt vor meinem Haus geskatet. Wir haben alle gleichzeitig angefangen, also war niemand wirklich besser als die anderen. Skatevideos waren schwer zu finden und Instagram gab es noch nicht. Wir waren einfach Kids, die mit ihren Skateboards unterwegs waren. Wir hatten keine wirklichen Vorbilder, an denen wir uns orientieren konnten, und wussten nicht genau, wie man richtig skatet. Wir sind einfach rausgegangen und haben es ausprobiert.


Mit der Zeit bin ich weiter herumgekommen – zu anderen Skateparks und in andere Städte – und habe neue Leute kennengelernt. Ich glaube, da habe ich erst richtig angefangen zu lernen. Ich wusste schon immer, dass ich etwas mit Skateboarding machen wollte. Auf dem Board habe ich mich einfach gut gefühlt. Und ich glaube, auf Reisen und durch die Begegnungen mit anderen lernt man am meisten. Das sehe ich heute noch genauso.
 

 

Wie hat sich dein Weg im Skateboarding entwickelt?

Es hat sich alles ziemlich natürlich ergeben. Ich habe mit meinen Freunden angefangen zu skaten und mich dann nach und nach weiter von zu Hause entfernt. Ich hatte immer Spaß dabei, wusste aber auch, dass ich etwas daraus machen wollte. Einen konkreten Plan hatte ich allerdings nie. Irgendwie ist in meinem Leben alles durch Zufälle entstanden.


Ich wusste einfach, dass ich skaten und reisen wollte.
 

Wie kam es dazu, dass du von Chile nach Barcelona gezogen bist?

Eine Freundin meinte, wir sollten Urlaub in Barcelona machen. Damals überlegte ich schon, wie ich etwas mit Skateboarding machen und mir vielleicht ein Leben darum aufbauen könnte.


Ich wusste nicht viel über Barcelona. Auf Instagram hatte ich nur Videos von Leuten gesehen, zu denen ich aufgeschaut habe und die dort geskatet sind. Als meine Freundin dann meinte: „Vielleicht sollten wir nach Barcelona fahren“, dachte ich mir: Warum nicht?


Ich dachte, vielleicht könnte ich es schaffen, mit Skateboarding zu leben – neue Leute kennenzulernen, neue Spots zu skaten und dazuzulernen.


Also bin ich hergekommen. Und dann bin ich geblieben.
 

 

Wie unterscheiden sich die Skate-Szenen in Santiago und Barcelona?

In Barcelona gibt es einfach mehr Möglichkeiten. Mehr Leute, die etwas auf die Beine stellen, mehr Magazine, mehr Filmer und mehr Fotografen.


In Chile bin ich hauptsächlich geskatet und hatte Spaß dabei, aber ich wusste, dass ich mehr daraus machen könnte. Erst hier habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, sein Skaten zu zeigen und Plattformen dafür zu haben. Magazine sind dafür ein gutes Beispiel. Sie arbeiten mit Brands zusammen, und manchmal kann man dadurch sogar von einer Brand bezahlt werden, weil man mehr Sichtbarkeit bekommt. In Chile war das alles noch nicht so professionell. Für mich war das eine der größten Veränderungen: plötzlich so viele neue Möglichkeiten zu haben.
 

 

Wie sieht die Girls-Szene in Barcelona aus?

Wenn man sich die Zahlen anschaut, ist das echt verrückt. Hier skaten unglaublich viele Mädchen und Frauen.


Ich bin schon viel herumgereist und überall auf der Welt gibt es Mädchen, die skaten – aber nicht so viele wie in Barcelona. Das motiviert total, weil man von so vielen anderen Mädchen umgeben ist und sich gegenseitig inspiriert.


Außerdem unterstützen sich hier alle gegenseitig. Bei Events oder gemeinsamen Skate-Sessions feuern sich die Mädchen an und pushen sich gegenseitig.


Wenn man Teil einer solchen Community ist, bekommt man automatisch Lust, noch mehr zu skaten.
 

 

Du gibst in Barcelona auch Skate-Unterricht, oder?

Ich habe schon in Chile angefangen, Unterricht zu geben. Damit habe ich tatsächlich meine erste Reise nach Barcelona finanziert.


Ich habe etwa 2 € pro Person für eine Stunde genommen – also supergünstig. Aber es ging auch darum, eine Community aufzubauen. Die Mädchen kamen vorbei, lernten zusammen und fanden neue Freundinnen.


Ich finde, gerade am Anfang ist das unglaublich wichtig. Wenn man mit dem Skaten beginnt, braucht man Leute um sich herum.


Es ging nicht einfach nur darum, jemandem einen Trick beizubringen. Ich wollte einen Anlass schaffen, bei dem Mädchen zusammenkommen und gemeinsam skaten konnten.
 

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In Chile hast du ein eigenes Kollektiv mitgegründet, um Frauen im Skateboarding zu fördern. Erzähl uns von Juntas Mejor SB.

Das war auch nichts, was wir groß geplant hatten. Meine Freundin Bárbara Durán und ich haben uns ständig darüber aufgeregt, dass Brands und Instagram-Accounts immer nur Videos von Männern geteilt haben. Bei Contests gab es Kategorien für Männer, die Männer haben Preisgelder gewonnen, während die Mädchen vielleicht eine Dose Red Bull, einen großen Saft oder ein T-Shirt bekommen haben.


Das war einfach unfair. Eines Tages haben wir uns wieder darüber aufgeregt und gedacht: Scheiß drauf, wir machen unseren eigenen Instagram-Account und teilen Videos von Mädchen, die in Chile skaten. Also haben wir es einfach gemacht.


Plötzlich bekamen wir Videos aus ganz Chile. Mädchen schickten uns ihre Clips, und uns wurde klar, dass viel mehr Frauen skaten, als wir überhaupt wussten. Das war das Beste daran: eine Community aufzubauen. Wir fingen an, Events zu organisieren, mit Brands zu sprechen, Preise zu organisieren und Skate-Tage auf die Beine zu stellen, bei denen sich alle treffen und gemeinsam skaten konnten.


Unser erstes Event fand am 8. März statt, dem Internationalen Frauentag. Es war eigentlich kein Contest. Wir wollten einfach, dass alle zusammen skaten. Danach sind wir mit unseren Skateboards zur Demo gegangen. Etwa 20 Mädchen sind durch die Straßen geskatet, haben gesungen und mit ihren Boards auf den Boden geschlagen. Das war ein richtig großer Tag.
 

 

Welche anderen Kollektive auf der Welt machen deiner Meinung nach ähnliche Arbeit und verdienen mehr Aufmerksamkeit?

Ich bin sicher, dass es noch viele weitere gibt, aber ich habe mit den meisten nicht eng genug zusammengearbeitet, um wirklich über ihre Arbeit sprechen zu können. Hier in Barcelona macht Dolores richtig gute Sachen. Dort drehen Mädchen Videos, machen Kunst und Fotografie, organisieren Workshops – und bringen ganz unterschiedliche Projekte rund ums Skateboarding auf die Beine.


Dolores war auch für mich wichtig, weil ich dadurch mehr Kontakt zu Brands und Teammanagern bekommen habe. So bin ich letztendlich auch bei Vans auf dem Radar gelandet.


Außerdem habe ich mit Vague Skate Mag, Free, Censorship Skateboards und Irregular Skate Mag zusammengearbeitet. Mit ihnen habe ich Interviews gemacht, Fotos veröffentlicht und an Projekten gearbeitet. Solche Möglichkeiten sind unglaublich wichtig.


Ich finde, allein solche Plattformen zu haben, macht schon einen riesigen Unterschied.
 

 

Woran hast du in letzter Zeit gearbeitet?

Leider hatte ich mit einigen Verletzungen zu kämpfen. Ich filme eigentlich ständig, aber dieses Jahr hatte ich einfach Pech. Erst die Schulter, dann das Knie – eins nach dem anderen. Ich wollte ein Video mit Vanessa und Tanya machen, den anderen Vans-Teamfahrerinnen, die in Barcelona leben. Wir haben dafür gefilmt, aber dann haben sich die beiden auch verletzt. Deshalb ist es bisher eher eine Idee als ein konkreter Plan … Gleichzeitig filme ich für Censorship Skateboards.


Für mich ist vor allem wichtig, weiter zu filmen. Wenn man genug Footage zusammen hat, kann man anfangen, sich Gedanken darüber zu machen, was man daraus machen möchte …
 

Wie würdest du die Vibes im Vans-Skate-Team beschreiben?

Das sind alles richtig heftige Skater. Alle ziehen durch und geben Vollgas. Es ist verrückt, wenn man mit ihnen an einem Spot ankommt – die können ihn innerhalb von zehn Minuten komplett auseinandernehmen.


Ich bin gerne mit Leuten unterwegs, die gut skaten und richtig Bock darauf haben. Diese Energie steckt einfach an. Bisher hatte ich noch nicht so viele Gelegenheiten, mit dem ganzen Team auf Reisen zu gehen. Die meisten Jungs habe ich bei Events und Touren kennengelernt. Vor ein paar Monaten musste ich allerdings eine Reise absagen, weil ich mir das Knie verletzt hatte. Das macht mir immer noch zu schaffen.


Ich freue mich schon darauf, in Zukunft öfter mit ihnen unterwegs zu sein und alle besser kennenzulernen.
 

 

Was und wer inspiriert dich beim Skaten?

Es gibt so viele Mädchen, die ich bewundere. Im Moment feiere ich Poe Pinson total – sie ist unglaublich kreativ – und Brianna Gearing. Auch Georgia Martin, Fabiana Delfino, Haley Wilson und Victoria Mendoza aus Brasilien. Ich könnte noch so viele Namen nennen. Ich mag Leute, die ihren eigenen Style haben und beim Skaten kreativ sind. Das inspiriert mich.

 

Und wer inspiriert dich abseits des Skateboardings?

Meine Mutter und mein Vater.
Sie haben mir viel von dem beigebracht, was mich heute ausmacht: dranzubleiben, nicht aufzugeben, wenn man etwas wirklich will, und möglichst positiv zu bleiben. Sie haben mir gezeigt, dass man selbst dann, wenn etwas Schlechtes passiert, versuchen sollte, etwas Gutes darin zu finden. Ich glaube, Skateboarding hat mich genau das Gleiche gelehrt. Man gibt nicht auf.

 

Welche Vans-Schuhe trägst du am liebsten zum Skaten?

Ich mag den Half Cab und auch den Sk8-Hi. Ich mochte schon immer etwas klobigere Schuhe. Als Kind konnte ich mit schmalen Schuhen nie viel anfangen – ich mag es, wenn ein Schuh etwas mehr Form hat. Der Sk8-Hi schützt außerdem die Füße besser, und das gefällt mir.

 

Zum Abschluss: Hast du noch ein paar letzte Worte?

Du musst besser sein als die Person, die du gestern warst. Vielleicht übst du heute einen Trick und landest ihn nicht. Aber du bist näher dran als gestern. Auch wenn du ihn nicht gestanden hast, bist du deinem Ziel trotzdem ein Stück näher gekommen.


Das ist Fortschritt. Also: dranbleiben und weitermachen.